Während sich im nahen Chemnitz die Industrie im 19. und 20. Jahrhundert rasant entwickelt, bleibt es auf dem alten Amtssitz Augustusburg ruhig. Die Entwicklung vom Machtzentrum im Erzgebirge zu beschaulichen Kleinstadt beginnt. Beherrschend war zu dieser Zeit immer noch das Weberhandwerk, welches von der Textilindustrie in Sachsen verdrängt wurde. Dieser Nachteil verwandelt sich jedoch bald zum größten Kapital neben dem Schloss Augustusburg, welches sich zusehens zur bekannten Sehenswürdigkeit entwickelt. Um 1900 beginnt die beschauliche Stadt im Erzgebirge mit Ergeiz sich zu einem bekannten Ausflugsort mit reicher Natur, sauberer Luft und absoluter Ruhe zu entwickeln. Eine Jugendstil-Villenkolonie für betuchte Bürger aus Dresden und Chemnitz wird mitten im Wald als neuer Stadtteil aufgebaut. Es werden Mineralswasserquellen erforscht und Wanderwege ausgebaut. Natürlich darf auch die entsprechende Werbung nicht fehlen:
Gute Waldwege führen nach dem freundlichen Erdmannsdorf, der Bahnstation von Augustusburg, wohin auch regelmässig der Omnibus verkehrt. Waldsteige mit zahlreichen Ruhebänken führen nach dem Kunnerstein, einer kleinen Felsbastei mit einem lieblichen Blick hinab in das grüne, lachende Zschopautal.
Wie ein Vogelnest klebt hier eine kleine gute Restauration auf der grauen Felswand und um die Zeit des Nachmittagskaffees trifft man hier immer Gesellschaft. Wer noch weiter wandern will, der findet im tiefen Graben und im Nesselgrunde wohl manchen verstohlenen Waldsteig, oder er kann im Zschopautale seinen Weg gegen Hennersdorf und Witzschdorf fortsetzen und wird auch daran seine Freude haben.
All’ diese Vorzüge, mit denen Augustusburg so reich ausgestattet ist, ahben ihm den Namen eines bevorzugten Luftkurortes verschafft. Die Frequenz der letzten Jahre war:
1897: 473 Gäste
1898: 681 Gäste
1899: 748 Gäste
1900: 1068 Gäste
1901: 1404 Gäste
1902: 1363 Gäste
1903: 1422 Gäste
Augustusburg ist nicht allein das Zeil Tausender von Touristen, sondern es hat sich auch als Reconvalescenten-Station, speziell für Nervenkranke und Blutarme ausgebildet und tatsächlich bewährt. Wegen seiner billigen, freundlichen Sommerwohnungen an und im Walde ist es ein geradezu gesuchter Ferienaufenthalt für Chemnitzer, Dresdner, Leipziger Familien geworden. Privatwohnungen, Hotels, Pensionen, Bäder, Cafes und Konditoreien bieten Wohnungen in niederer und höherer Preislage. Der wichtigste Faktor für Augsutusburg bleibt die Lage des Ortes selbst mit seinem Wald-Villen, die nicht 5 Minuten oder 1/2 Stündchen vom Walde entfernt liegen, sondern mitten in den Nadelwald hinein eingebaut worden sind. Breite, makadamisierte, gut beschleuste Strassen, mit Granitplatten umsäumte Bürgersteige durchziehen den ehemaligen Staatswald und sichern auch bei regenwetter trockene Spaziergänge. Die Gelegenheit, in den Villen des Waldstadtteils ebenso billig wie gesund wohnen zu können, hat in Verbindung mit den niedrigen städtischen Abgaben Rentner und Pensionäre veranlasst,s ich dauernd hier niederzulassen und anzubauen.
Die Wirkung der reinen Höhenwaldluft in Verbindung mit der absoluten Ruhe macht sich bei Fremden schon nach einigen Tagen bemerkbar. Tiefer, langanhaltender Schlaf stellt sich ein. Besonders nach sonnigen Tagen ist die Waldluft aussergewöhnlich mit Sauerstoff gesättigt, wordurch ein wohliges Sichbehaglichfühlen PLatz greift. Die bekannte Tatsache, dass die Pflanzen bei Tage die uns Schädliche Kohlensäure der Luft zersetzen, indem sie den Kohlenstoff als Holzgebilde aufbauen und den uns unentbehrlichen Sauerstoff wieder abgeben, bildet das wesentliche geheimnis unserer so grossen Kurerfolge.
Erstaunlich ist ferner die Anregung solcher Luft durch den vermehrten Stoffwechsel auf den Magen. Der Appetit regt sich bei den Waldpromenaden mächtig, die Verdauung gewinnt zusehens und so erklärt es sich, dass die meisten Kurgäste mit einem oft recht ansehnlichen Gewichtsplus von hier scheiden. Aus dem guten Schlaf und der gesteigerten nahrungszufuhr resultiert auch meist eine heitere, frohe Gemüthsstimmung gegenüber dem Spender dieser Wohltaten. An den Sonntagen findet man die Sommergäste in der neuerbauten, vornehm ernst gehaltenen, auch an Wochenenden für jedermann offen stehenden Stadtkirche oder in der alterwürdigen Schlosskirche, der ältesten protestantischen Kirche Sachsens. Die Anhänglichkeit der Somemrgäste ist aber der beste Beweis für deren Wohlbefinden am hiesigen Platze. Regelmässig wie die Zugvögel kehren dieselben Naturfreunde in dem Waldstädtchen ein, um die erstickende Grossstadtluft mit den warmen Ozonwellen usnerer Wälder zu tauschen.
Schlagworte: augustusburg, ausflugsziel, erzgebirge, freizeit, kurort, naherholung, sachsen
März 1, 2008 um 5:11
Augustusburg und seine Entwicklung zum Kurort
Wer sich gern über die Werbesprache des vergangenen Jahrhunderts amüsiert, der liegt hier richtig!